TEXTILE FORENSIK

VORWÄSCHE

(Hintergründe dieses Formats)

Dr. Lina Tegtmeyer

1) Die Wissenschaft befindet sich aktuell in einer ganz neuen Krise: Es gibt aufgrund technischer und nationalstaatlicher Veränderungen weltweit veränderte Formen der Wissensgenerierung. Ferner entwickelt und präsentiert sich zunehmend eine Popularisierung von „Wissen“ und Wissenschaft, die der Auflösung vorhergehender Strukturen in und von Wissenschaftlichkeit staatsgrenzend übergreifend unkontrollierbar floriert und jegliche Dimensionen der Vorstellungskraft zu sprengen scheint.

2) Parallel zur textlichen-sprachlichen Inflation von „Wissen“ gibt es eine immense Bilderflut, vor allem an photographischem Material, also die Photographie und Film als Bewegtbild. Über traditionelle Medien und das Internet erfolgt auch hier eine scheinbar grenzenlose Verbreitung an Massenware Photo-Bild. 

3) Die freie Kunst wird vor allem in Deutschland der Wissenschaft gerne noch klassisch dialektisch als Konträres gegenüber gestellt. Die Handzeichnung—vor allem eine als expressionistisch-experimentell kategorisierte—gilt als besonders verrufenes Material zur Beweisführung in der Wissenschaft.

4) Die Ethnographische Feldforschung arbeitet allerdings seit vor Erfindung der Photographie bzw. ihrer demokratischen Massenverbreitung, mit der Methode der handgefertigten Skizze. Diese wurde allerdings selten als Endresultat präsentiert, sondern diente als Vorlage oder Erinnerung/Gedankenstütze. Sie wurde früher oft von Experten [sic] und nicht den Forschenden selber angefertigt.

5) In meiner Forschung beschäftige ich mit seit 2014 mit der experimentellen Handzeichnung als Methode, und zwar, mit dem Interesse, die Zeichnung in ihrer Unmittelbarkeit als Bestandsaufnahme des Momentes stehen zu lassen—unverändert.

Die Zeichnung ist hier eine Form der Aufzeichnung der Situation, der sehr offensichtlich die Sichtweise der Auf-Zeichnerin im Nachhinein auf dem Papier erkennen lässt. Die Zeichnungen werden in der Situation angefertigt, manche sind absolut unvollständig, wenn etwa die Situation sich vor meinen Augen auflöst, weil jemand die Szenerie verlässt. Es entstehen immer reihenweise schnell skizzierter Zeichnungen, die dann in der Reihe gesammelt und gezeigt werden können. Die Herausforderung, mit weniger Textaufzeichnungen auszukommen ist Teil dieses Arbeitsansatzes, der allerdings selten gänzlich gelingt

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